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Automatisierung im KMU – kleine Schritte, grosse Wirkung

Digitalisierung Pascal Zumstein · 27. Juli 2026 · 9 Min. Lesezeit

In vielen KMU laufen täglich Dutzende kleiner Aufgaben ab, die niemand hinterfragt. Rechnungen werden manuell in Excel übertragen, Bestellbestätigungen per E-Mail kopiert und weitergeleitet, Urlaubsanträge wandern als PDF von Postfach zu Postfach. Jede einzelne dieser Aufgaben dauert vielleicht nur drei Minuten. Aber zusammengerechnet verbringt ein typisches KMU mit 20 Mitarbeitenden mehrere hundert Stunden pro Jahr mit Arbeiten, die sich vollständig oder teilweise automatisieren liessen.

Automatisierung klingt dabei oft grösser, als sie sein muss. Viele Unternehmen denken an teure Softwareprojekte, komplexe Schnittstellen oder an Roboter in Produktionshallen. In Wirklichkeit beginnt sinnvolle Automatisierung viel kleiner – und genau da liegt ihr grösster Hebel für KMU.

Warum Automatisierung gerade jetzt für KMU relevant ist

Drei Entwicklungen machen Automatisierung für kleinere Unternehmen so zugänglich wie nie zuvor. Erstens: Die Werkzeuge sind da. Tools wie Microsoft Power Automate, Make (ehemals Integromat) oder Zapier ermöglichen es, Workflows ohne Programmierkenntnisse zu bauen. Wer Microsoft 365 nutzt, hat Power Automate bereits in seiner Lizenz enthalten – oft ohne es zu wissen.

Zweitens: Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen dazu, vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen. Wenn qualifizierte Mitarbeitende ihre Zeit mit repetitiven Aufgaben verbringen, ist das nicht nur teuer, sondern auch demotivierend. Automatisierung gibt ihnen Zeit für die Arbeit, die tatsächlich Wertschöpfung bringt.

Drittens: KI-gestützte Automatisierung senkt die Einstiegshürde weiter. Moderne Automatisierungstools können inzwischen E-Mails klassifizieren, Dokumente auslesen und Entscheidungen auf Basis einfacher Regeln treffen. Das war vor drei Jahren noch ein Thema für Grossunternehmen mit eigenen Entwicklerteams. Heute ist es für jedes KMU erreichbar.

Wo Automatisierung im KMU am meisten bringt

Der grösste Fehler bei Automatisierung ist, mit dem falschen Prozess zu starten. Viele Unternehmen wollen gleich den komplexesten Ablauf automatisieren – und scheitern an der Komplexität. Die Kunst liegt darin, zuerst die Aufgaben zu finden, die einfach, repetitiv und klar strukturiert sind.

E-Mail-basierte Workflows. Ein erstaunlich grosser Teil der täglichen Arbeit in KMU besteht aus dem Weiterleiten, Zuordnen und Beantworten von E-Mails. Ein typisches Beispiel: Anfragen, die über ein Kontaktformular eingehen, werden manuell an die zuständige Person weitergeleitet, in einem CRM erfasst und mit einer Eingangsbestätigung beantwortet. Dieser Ablauf lässt sich in weniger als einer Stunde vollständig automatisieren. Die Anfrage kommt rein, wird automatisch zugeordnet, der Kontakt wird im CRM angelegt, und der Absender erhält sofort eine professionelle Bestätigung.

Freigabe- und Genehmigungsprozesse. In vielen KMU laufen Freigaben – für Bestellungen, Urlaubsanträge, Rechnungen oder Projektbudgets – über E-Mail oder mündliche Absprachen. Das führt zu Verzögerungen, vergessenen Anfragen und fehlender Nachvollziehbarkeit. Ein einfacher Genehmigungsworkflow, der eine Anfrage automatisch an die richtige Person weiterleitet, Erinnerungen verschickt und den Status dokumentiert, löst all diese Probleme. In Microsoft 365 lässt sich das direkt mit Power Automate und SharePoint umsetzen, ohne zusätzliche Software.

Dateneingabe und Datenabgleich. Viele Mitarbeitende verbringen Zeit damit, Daten von einem System in ein anderes zu übertragen. Bestellungen aus dem Webshop werden manuell in die Buchhaltung eingegeben. Kundendaten werden in mehreren Listen parallel gepflegt. Umsatzzahlen werden einmal pro Woche von Hand zusammengetragen. All das sind klassische Kandidaten für Automatisierung. Ein einfacher Flow, der Daten automatisch zwischen zwei Systemen synchronisiert, spart nicht nur Zeit, sondern eliminiert auch Fehler durch Doppelerfassung.

Reporting und Benachrichtigungen. Wöchentliche Berichte, die jemand manuell zusammenstellt und per E-Mail verschickt. Erinnerungen an ausstehende Aufgaben. Benachrichtigungen, wenn ein bestimmter Schwellenwert überschritten wird. All das lässt sich automatisieren und ist oft der schnellste Weg, um den konkreten Nutzen von Automatisierung im Unternehmen sichtbar zu machen.

Faustregel: Starten Sie mit Aufgaben, die mindestens dreimal pro Woche vorkommen, weniger als fünf Minuten dauern und einem klaren, gleichbleibenden Ablauf folgen. Diese Aufgaben lassen sich fast immer schnell automatisieren – und der Zeitgewinn ist sofort spürbar.

Welche Werkzeuge sich für KMU eignen

Die Wahl des richtigen Automatisierungswerkzeugs hängt davon ab, welche Systeme das Unternehmen bereits nutzt und wie technisch versiert die Mitarbeitenden sind.

Microsoft Power Automate ist die naheliegendste Wahl für Unternehmen, die bereits Microsoft 365 nutzen. Es ist in vielen Lizenzen enthalten, lässt sich ohne Programmierkenntnisse bedienen und ist tief in Outlook, SharePoint, Teams und Excel integriert. Power Automate eignet sich besonders gut für interne Workflows: Genehmigungsprozesse, Benachrichtigungen, Datenflüsse zwischen Microsoft-Anwendungen. Für die meisten KMU ist es der ideale Einstieg.

Make und Zapier sind plattformunabhängige Automatisierungswerkzeuge, die besonders dann sinnvoll sind, wenn verschiedene Cloud-Dienste miteinander verbunden werden sollen. Zum Beispiel: Eine neue Bestellung in einem Webshop löst automatisch einen Eintrag in der Buchhaltungssoftware, eine Benachrichtigung in Slack und eine Versandbestätigung per E-Mail aus. Make bietet dabei mehr Flexibilität bei komplexen Abläufen, während Zapier den einfacheren Einstieg ermöglicht.

KI-gestützte Automatisierung geht einen Schritt weiter. Tools wie Microsoft Copilot oder eigenständige KI-Agenten können Aufgaben übernehmen, die bisher menschliches Urteilsvermögen erforderten: E-Mails zusammenfassen und priorisieren, Dokumente nach bestimmten Kriterien klassifizieren, oder Antworten auf Standardanfragen entwerfen. Für KMU ist das besonders dort interessant, wo viel unstrukturierte Information verarbeitet wird – Kundenanfragen, Support-Tickets, eingehende Rechnungen.

Wichtig ist bei der Werkzeugwahl: Starten Sie mit dem, was Sie bereits haben. Die meisten KMU brauchen kein neues Tool – sie nutzen die vorhandenen nur nicht aus. Ein Unternehmen, das Microsoft 365 hat und Power Automate nicht kennt, hat bereits ein leistungsfähiges Automatisierungswerkzeug, das nur darauf wartet, eingesetzt zu werden.

Wie der Einstieg gelingt – ohne IT-Abteilung

Viele KMU haben keine eigene IT-Abteilung und keine Entwickler im Haus. Das ist kein Hindernis für Automatisierung – vorausgesetzt, man geht pragmatisch vor.

Der erste Schritt ist die Bestandsaufnahme. Setzen Sie sich mit den Mitarbeitenden zusammen und fragen Sie: Welche Aufgabe nervt euch am meisten? Was macht ihr jeden Tag, obwohl es eigentlich immer gleich abläuft? Welche Information tippt ihr regelmässig von einem System ins andere? Die Antworten auf diese Fragen liefern die besten Kandidaten für Automatisierung. Nicht die strategisch wichtigsten Prozesse, sondern die alltäglichen Ärgernisse sind der richtige Startpunkt.

Der zweite Schritt ist ein konkretes Pilotprojekt. Wählen Sie eine einzige Aufgabe aus und automatisieren Sie diese vollständig. Kein grosser Plan, kein Strategiepapier, kein umfangreiches Projekt. Ein einzelner Workflow, der ein konkretes Problem löst. Das kann ein automatischer Genehmigungsprozess für Bestellungen sein, eine automatische Benachrichtigung bei überfälligen Rechnungen oder ein Flow, der neue Kontakte aus dem Webformular direkt in die Kundendatenbank schreibt.

Der dritte Schritt ist, den Erfolg sichtbar zu machen. Wenn der erste automatisierte Workflow läuft, zeigen Sie ihn dem Team. Rechnen Sie vor, wie viel Zeit pro Woche eingespart wird. Fragen Sie, wer ähnliche Aufgaben hat, die ebenfalls automatisiert werden könnten. Erfahrungsgemäss entsteht genau an diesem Punkt eine Dynamik: Sobald Mitarbeitende sehen, dass Automatisierung funktioniert und ihnen das Leben leichter macht, kommen die Ideen für weitere Automatisierungen von allein.

Praxistipp: Benennen Sie eine Person im Unternehmen, die sich um Automatisierung kümmert – nicht als Vollzeitstelle, sondern als Nebenaufgabe. Diese Person muss keine Entwicklerin sein. Sie braucht Neugier, ein Grundverständnis für die eingesetzten Tools und die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren. In vielen KMU sind es die Personen aus dem Office Management oder der Administration, die diese Rolle am besten ausfüllen.

Was Automatisierung nicht ist – und nicht sein sollte

Automatisierung ist kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, möglichst viele Workflows zu bauen, sondern darum, den richtigen Aufgaben die richtige Behandlung zu geben. Nicht jeder Prozess eignet sich für Automatisierung, und nicht jede Automatisierung ist eine gute Idee.

Prozesse, die häufig Ausnahmen haben, sind schwierig zu automatisieren. Wenn ein Ablauf in 70 Prozent der Fälle gleich abläuft, aber in 30 Prozent der Fälle eine individuelle Entscheidung erfordert, ist eine vollständige Automatisierung oft kontraproduktiv. Besser ist dann eine Teilautomatisierung, die den Standardfall abdeckt und bei Ausnahmen an einen Menschen übergibt.

Automatisierung ersetzt auch keine fehlende Prozessklarheit. Wenn ein Ablauf im Unternehmen nicht klar definiert ist – wenn also niemand genau sagen kann, wer wann was in welcher Reihenfolge tut –, dann ist Automatisierung der falsche Ansatz. Dann muss zuerst der Prozess selbst geklärt werden. Ein unklarer Prozess wird durch Automatisierung nicht besser, sondern nur schneller chaotisch.

Und schliesslich: Automatisierung braucht Wartung. Ein einmal gebauter Workflow läuft nicht ewig fehlerfrei. Systeme werden aktualisiert, Abläufe ändern sich, neue Anforderungen kommen hinzu. Wer Automatisierung einführt, muss auch einplanen, sie regelmässig zu überprüfen und anzupassen. Das ist kein grosser Aufwand, aber er darf nicht vergessen werden.

Der konkrete Nutzen – was Unternehmen erwarten können

Die Ergebnisse von Automatisierung sind in der Regel schnell sichtbar und messbar. Ein mittelgrosses KMU, das drei bis fünf Kernprozesse automatisiert, kann realistisch mit einer Zeitersparnis von 10 bis 20 Stunden pro Woche rechnen. Bei einem Stundensatz von 60 bis 80 Franken sind das 30'000 bis 80'000 Franken pro Jahr – für Massnahmen, deren Umsetzung oft weniger als 5'000 Franken kostet.

Aber der Nutzen geht über die reine Zeitersparnis hinaus. Automatisierte Prozesse sind fehlerfreier, weil keine Daten mehr falsch übertragen werden. Sie sind schneller, weil keine Wartezeiten durch manuelle Bearbeitung entstehen. Sie sind nachvollziehbar, weil jeder Schritt dokumentiert ist. Und sie sind skalierbar – wenn das Geschäft wächst, wachsen automatisierte Prozesse mit, ohne dass proportional mehr Mitarbeitende benötigt werden.

Der vielleicht wichtigste Effekt ist jedoch ein kultureller. Unternehmen, die Automatisierung aktiv nutzen, entwickeln eine andere Haltung gegenüber ihren eigenen Abläufen. Mitarbeitende beginnen, Prozesse zu hinterfragen. Sie fragen nicht mehr nur, wie etwas gemacht wird, sondern ob es so gemacht werden muss. Das ist der Anfang einer echten Digitalisierungskultur – und die beginnt nicht mit einer grossen Strategie, sondern mit einem kleinen, konkreten Workflow, der funktioniert.

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